Neurobiologische Wurzeln – Vom Säugling zum Erwachsenen
Shownotes
Diese Folge beleuchtet die Entstehung deiner heutigen Muster. „Als Baby“ kommen wir mit einem unvollständigen Nervensystem zur Welt und sind vollständig auf die Co-Regulation durch Bezugspersonen angewiesen
. Wenn diese Sicherheit fehlt (z. B. durch Parentifizierung), entwickelt das System Strategien wie den „Macher-Modus“ oder den „alten Wächter“, um Überleben zu sichern
. Es wird verdeutlicht, dass diese Muster keine Defekte sind, sondern hochintelligente biologische Anpassungen, die dazu führten, dass dein Nervensystem heute Stille oft fälschlicherweise als Lebensgefahr interpretiert
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00:00:00: Kennst du das?
00:00:01: Du hattest einen wahnsinnig langen, wirklich anstrengenden Tag.
00:00:07: Und du freust dich eigentlich seit Stunden auf exakt diesen einen Moment!
00:00:12: Du kommst nach Hause, wirfst die Tasche in die Ecke und lässt dich einfach nur aufs Sofa fallen.
00:00:17: Oh ja – der Klassiker.
00:00:18: Genau.
00:00:19: Eigentlich der Moment um mal tief durchzuatmen.
00:00:23: Aber… und das ist das Verrückte genau in der Sekunde, in der es um dich herum still wird passiert das absolute Gegenteil.
00:00:30: Ein innerer Motor springt an?
00:00:32: Ja, die Gedanken rasen auf einmal der Puls geht messbar hoch und vielleicht fängst du dann völlig unbewusst an noch schnell die Küche aufzuräumen oder To-do Listen für nächste Woche zu schreiben.
00:00:43: Richtig!
00:00:44: Warum
00:00:44: fühlt sich Stille für so viele von uns fast schon bedrohlich an?
00:00:49: Warum können wir nicht einfach mal die Stopptaste drücken?
00:00:52: Das ist exakt der Mechanismus den wir heute Mal entschlüsseln werden Denn die Antwort darauf liegt sehr viel tiefer als die meisten Ahnen.
00:00:59: Wahrscheinlich tiefer, als ich muss einfach mal meditieren oder?
00:01:03: Absolut!
00:01:04: Das hat nämlich absolut nichts mit Mangel der Disziplin oder einem schwachen Charakter zu tun – auch nicht mit Workaholism.
00:01:12: Es liegt in der hochkomplexen Biologie deines Körpers, genauer gesagt in der Entwicklungsgeschichte deines autonomen Nervensystems
00:01:19: Und genau dem widmen wir unsere heutige Recherche.
00:01:23: Wir haben dafür echt einen massiven Stapel an Material durchgearbeitet.
00:01:27: Darunter klinische Aufzeichnungen zur Traumatherapie?
00:01:30: Mhm, unter anderem von Praktikerinnen wie Dami Scharf und Irene Lyon
00:01:34: Genau!
00:01:35: Und dazu noch Papiere zur Neurobiologie- und Entwicklungspsychologie.
00:01:39: Unser Ziel für diesen Deep Dive ist es, wirklich zurück an den absoluten Anfang des menschlichen Lebens zu reisen.
00:01:46: Weil da alles anfängt?
00:01:47: Richtig!
00:01:47: Wir wollen nachvollziehen wie das Gehirn überhaupt lernt was Sicherheit bedeutet und warum Verhaltensweisen die wir heute ja oft als defekt abtun in Wahrheit brillante Überlebensstrategien sind.
00:02:02: Lass uns da wirklich ganz vorne anfangen.
00:02:05: beim Menschlichen Baby.
00:02:07: Biologisch gesehen kommen wir Menschen ja eigentlich zu früh auf die Welt.
00:02:10: Wir sind sozusagen noch gar nicht fertig gebacken!
00:02:13: Genau, wir verbringen unsere ersten Lebensmonate quasi in eine Art erweiterten Uterus.
00:02:20: Die reine Neurobiologie dahinter ist extrem entscheidend um den Rest unseres Lebens zu verstehen.
00:02:25: Das menschliche Gehirn und eben besonders unser autonomes Nervensystem sind bei der Geburt schlichtweg noch im Bau
00:02:31: Weil der Kopf sonst so groß für die Geburt wäre oder?
00:02:34: Exakt.
00:02:35: Die Natur hat da einen Kompromiss geschlossen, das bedeutet aber auch dass ein Baby mit einem System auf die Welt kommt wie so ein unfertiger Motorraum funktioniert vor allem das parasympathische System
00:02:47: also der Teil der uns beruhigt
00:02:50: richtig der die Herzrate senkt die Verdauung anregt und uns entspannen lässt.
00:02:55: dieser Teil ist zu dem Zeitpunkt physisch noch gar nicht in der Lage sich selbst zu steuern.
00:02:59: die neuronalen Leitungen dafür sind noch gar.
00:03:03: Weißt du, beim Lesen dieser Unterlagen kann der da unweigerlich der Vergleich mit einem Smartphone in den Sinn.
00:03:09: Okay wie meinst Du das?
00:03:10: Also man kommt als absolutes High-End Gerät auf die Welt!
00:03:14: Die Hardware ist fantastisch aber das Betriebssystem für diese Selbstberuhigung... Das ist einfach nicht vorinstalliert es fehlt komplett.
00:03:23: Ah okay ja.
00:03:23: Das
00:03:24: Baby muss dieses Update erst über Jahre hinweg buchstäblich via Bluetooth von den Eltern herunterladen Und dieser Prozess ist ja das, was in der Psychologie dann Co-Regulation genannt wird.
00:03:36: Richtig!
00:03:37: Der Vergleich passt echt wahnsinnig gut aber wir müssen den Biologis sogar noch etwas weiterfassen.
00:03:43: Es ist nicht nur ein fehlendes Update Okay?
00:03:45: Das älterliche Nervensystem fungiert in dieser Zeit buchstäblich als externe Festplatte und auch als Externer Prozessor für das Kind.
00:03:52: Guck mal...das Baby produziert ja Stresshormone wie Cortisol oder Adrenalin wenn es Hunger hat oder friert Was
00:03:58: ja total normal ist.
00:03:59: Genau
00:04:00: Empfehlen aber die biochemischen Werkzeuge und eben diese neuronalen Fade, um diesen Stresskreislauf aus eigener Kraft wieder zu stoppen.
00:04:08: Es kann sich also wirklich physisch nicht beruhigen!
00:04:10: Richtig –
00:04:11: Die primäre Bezugsperson muss das Baby quasi in das eigene Nervensystem aufnehmen.
00:04:17: Das passiert über die sogenannte rechtsämysphärische Kommunikation.
00:04:20: Da
00:04:20: müssen wir kurz einhaken, das ist ein extrem wichtiger Punkt.
00:04:24: Wir sprechen hier ja nicht von rationalen Erklärungen ne?
00:04:27: Nee überhaupt.
00:04:28: Ich meine, man kann einem weinenden Säugling ja nicht logisch erklären dass der Brei in zwei Minuten fertig ist.
00:04:34: Exakt!
00:04:35: Die linke Gehirnhälfte die für Sprache und Logik und auch Zeitverständnis zuständig ist... ...die ist in den ersten Lebensjahren noch kaum aktiv.
00:04:44: Krass
00:04:44: Das Baby nimmt die Welt also fast ausschließlich über die rechte Gehirnhälfte wahr.
00:04:49: Das ist der Bereich für Emotionen, Räumlichkeit und vor allem nonverbale Signale.
00:04:55: Korregulation passiert also echt nicht durch Worte
00:04:57: sondern durch was?
00:04:59: Blicke, genau.
00:05:00: Tiefer Blickkontakt die entspannte Mimik der Mutter oder des Vaters Der Rhythmus der Stimme Die Muskelspannung der Arme, die das Kind halten Sogar durch die Synchronisation des Herzschlags wenn das Baby auf der Brust liegt.
00:05:13: Wow Wenn das Nervensystem der Eltern signalisiert Mein Puls ist hohig Meine Atmung ist tief Hier ist absolut keine Gefahr.
00:05:22: Dann spiegelt das System des Babys diesen Zustand.
00:05:25: Es nutzt diese externe Festplatte der Eltern, um das eigene Cortisol abzubauen.
00:05:31: Wenn ich mir das jetzt so als reinen physischen Mechanismus anschaue, da wird mir echt klar wie fatal so ein ganz bestimmter Erziehungsmythos ist!
00:05:38: Du meinst es schreien lassen?
00:05:40: Ja genau man hört das ja so oft diesen Ratschlag... Man müsse einen Baby auch einfach mal schreinlassen damit es lernt sich selbst zu beruhigen und unabhängig zu werden.
00:05:51: Nachdem was wir gerade über diese fehlenden neuronalen Fahde besprochen haben, verlangt man von dem Kind da doch etwas das biologisch völlig unmöglich ist.
00:06:02: Es ist in der Tat verheerend – wirklich!
00:06:05: Wenn ein Baby in Panik gerät und dann allein gelassen wird lernt es nicht sich selbst zu beruhigen.
00:06:11: Der Organismus wird einfach regelrecht mit Stresshormonen geflutet
00:06:15: Und es kann den Stress ja nicht abbauen.
00:06:17: Genau, da das Baby diesen Zustand nicht selbst regulieren kann greift das Nervensystem irgendwann zu einem drastischen Notabschaltmechanismus
00:06:25: Um das System vor der Überlastung zu retten.
00:06:27: Richtig!
00:06:28: Vor einer tödlichen Erschöpfung eigentlich.
00:06:31: Es geht in den sogenannten Freeze-Zustand Also eine biologische Erstarrung.
00:06:36: Das Baby wird dann zwar irgendwann still und schläft vielleicht auch ein Aber halt nicht aus einer gesunden Entspannung heraus
00:06:42: Sondern
00:06:43: Aus purer Überwältigung und Resignation.
00:06:46: Das Stammherrn hat in dem Moment gelernt, Hilfe kommt nicht!
00:06:49: Ich muss meine Energie drosseln um hier nichts zu sterben.
00:06:52: Wahnsinn okay.
00:06:53: das führt uns aber direkt zur nächsten logischen Frage für unsere Recherche.
00:06:58: Wenn das Nervensystem der Bezugspersonen diese externe Festplatte für das Kind ist?
00:07:04: Was passiert denn dann wenn die Festplatten chronisch offline ist.
00:07:09: Das ist die entscheidende Frage!
00:07:10: Also ich spreche von Eltern, die vielleicht selbst unter massiven unbewältigten Stress stehen?
00:07:16: Die depressiv sind, chronisch überfordert oder einfach emotional völlig abwesend.
00:07:22: der Download dieser Co-Regulation kann ja dann gar nicht stattfinden
00:07:25: und genau an diesem Punkt betreten wir das Feld des Entwicklungstraumers.
00:07:30: oft wird der Begriff Trauma in unserer Gesellschaft ja noch sehr einseitig verwendet oder?
00:07:34: Ja man denkt sofort an den lauten Knall Ein schwerer Unfall, eine Naturkatastrophe, physische Bewald.
00:07:40: Richtig!
00:07:41: Das ist das sogenannte Schocktrauma – aber Entwicklungstrauma ist anders.
00:07:46: Es ist nicht unbedingt ein schreckliches Ereignis, was passiert ist sondern es ist oft das chronische Fehlen von etwas essentiellem.
00:07:53: Etwas das hätte passieren müssen.
00:07:55: Also eine unsichtbare Abwesenheit von Sicherheit und Resonanz?
00:07:59: Absolut richtig.
00:08:01: Wenn die Gefühle und Bedürfnisse eines Kindes dauerhaft ins Leere laufen, weil die Eltern emotional einfach nicht greifbar sind, organisiert sich das kindliche Nervensystem dauerhaft um diesen Mangel herum.
00:08:12: Es passt sich also physisch an diese Lehre an?
00:08:14: Genau!
00:08:15: Das Gehirn muss ja einen Weg finden in so einer unberechenbaren oder emotional leeren Umgebung irgendwie zu überleben.
00:08:22: Neuronale Verbindungen – die für Leichtigkeit, Spiel- und Entspannung zuständig wären – werden abgebaut weil sie nicht gebraucht werden.
00:08:29: Exakt!
00:08:30: Dafür werden Pfade für ständige Wachsamkeit massiv verstärkt.
00:08:34: Eines der extremsten Beispiele für diese Anpassung, das wir in den psychologischen Abhandlungen gefunden haben ist ja die sogenannte Parentifizierung.
00:08:42: Ein sehr wichtiges Konzept?
00:08:43: Das ist im Grunde eine familiäre Rollenumkehr.
00:08:46: Das Kind spürt diese emotionale Instabilität der Eltern und übernimmt plötzlich unbewusst deren Aufgaben.
00:08:53: Und wir reden hier nicht davon, dass das Kind mal brav den Müll rausbringt?
00:08:57: Nee absolut nicht!
00:08:57: Es übernimmt die emotionale Regulation der Erwachsenen.
00:09:01: es wird zum Tröster der depressiven Mutter oder zum Streitschlichter zwischen den Eltern Oder es sorgt panisch dafür, dass bloß niemand im Haus wütend wird.
00:09:10: Genau das ist Parantifizierung.
00:09:11: Aber ich frage mich dabei ernsthaft Wie hält der winzige Organismus eines fünfjährigen diese massive Verantwortung für das emotionale Überleben der ganzen Familie physisch überhaupt aus, ohne daran zu zerbrechen?
00:09:28: Der Organismus hält es aus indem er zu einem sehr pragmatischen evolutionären Werkzeug greift.
00:09:33: Er spaltet die eigenen kindlichen Bedürfnisse einfach
00:09:36: ab.
00:09:36: Krass!
00:09:37: Das Gehirn des Kindes analysiert die Lage federfrei.
00:09:40: Es stellt fest Mein Überleben hängt zu Hundert Prozent von der Stabilität diese Erwachsenen
00:09:45: ab.
00:09:46: Logisch!
00:09:46: Und dann folgert es, wenn ich jetzt eigene Bedürfnisse anmelde Wenn ich weine oder wütend bin, bringe ich dieses ohnehin wackelige System komplett zum Einsturz.
00:09:56: Also darf ich keine bedürfnisse haben.
00:09:58: Oh wow Das Kind gibt also seine Spontanität völlig auf?
00:10:02: Ja Diese Schutzmuster brennen sich als dicke neuronale Autobahnen in das Gehirn ein.
00:10:09: Das Kind wird zu einem perfekten Radar für die Stimmungen anderer.
00:10:13: Und das ist ja der Moment, in dem diese Neurobiologie der Kindheit dann auf unseren heutigen Alltag trifft oder?
00:10:19: Genau!
00:10:20: Denn dieses Schutzmuster, die damals das Überleben gesichert haben – das sind heute oft exakt die Verhaltensweisen, die wir als Erwachsene an uns selbst nicht ausstehen können.
00:10:30: In den klinischen Texten wird da oft der sogenannte Machermodus beschrieben.
00:10:34: Ja der Machermodus.
00:10:35: Das ist das Resultat eines Nervensystems, dass extrem auf symptomtartische Aktivierung kalibriert wurde.
00:10:41: Sympathikus – das war das innere Gaspedal oder?
00:10:45: Richtig!
00:10:46: Das Gaspedall, das für Kampf- oder Fluchtzuständig ist.
00:10:50: Das kindliche Nervenystem hat gelernt Stillhalten bedeutet, dass sich die emotionale Lehre, die Angst und auch die Überforderung meines Umfeldes spüren muss
00:10:59: Und das ist unerträglich
00:11:01: Absolut.
00:11:01: Also schüttet das Gehirnadrenalin aus, der Mensch geht in Aktion!
00:11:06: Bevor die eigentlichen tief liegenden Gefühle überhaupt an die Oberfläche kommen können fängt man an zu putzen
00:11:14: Oder man arbeitet bis tief in die Nacht oder optimiert sich selbst?
00:11:19: Exakt Der Körper lernt die toxische Gleichung.
00:11:22: Ständige Bewegungen und ständige Leistungen fühlen sich biologisch sicherer an als wirklich zu fühlen.
00:11:28: Weißt du, in den Nozizien von Dameraschaff gibt es dafür ein wahnsinnig starkes Bild das mir im Gedächtnis geblieben ist.
00:11:35: Das Bild vom alten Wächter!
00:11:37: Ein tolles Bild ja?
00:11:39: Sie sagt, stell dir vor Du hast tief in deinem Nervensystem so einen extrem loyalen Bodyguard.
00:11:46: Er wurde eingestellt als du vielleicht fünf oder sechs Jahre alt warst und sein einziger Auftrag wahr ist das familiäre Chaos frühzeitig zu erkennen und das System vor dem Zusammenbruch zu bewahren.
00:12:01: Und es absurde ist ja, dieser Bodyguard macht seinen Job seit dreißig oder vierzig Jahren absolut fehlerfrei ohne Urlaub, ohne Pause.
00:12:12: Er scant jeden Raum.
00:12:13: Genau!
00:12:14: Jeden Raum den du betrittst scant er sofort nach potentiellen Konflikten ab.
00:12:19: Und genau an diesem Punkt müssen wir unseren Blickwinkel ändern.
00:12:22: Dieser Wächter is nämlich kein Zeichen von Schwäche oder irgendwie ein Defekt deiner Persönlichkeit,
00:12:28: sondern
00:12:28: er ist der absolute Beweis für eine enorme Anpassungsfähigkeit und Intelligenz deines Organismus.
00:12:35: Der Nervensystem hat die Gefahr extrem präzise analysiert und eine hochwirksame Vermeidungsstrategie entwickelt.
00:12:41: Also eigentlich ein Meisterwerk?
00:12:43: Ja!
00:12:44: Das einzige Problem an der Sache ist nur dieser innere Bodyguard operiert weiterhin auf dem Informationsstand eines fünfjährigen Kindes.
00:12:52: Er hat einfach nicht mitbekommen dass du mittlerweile erwachsen bist dass du eine eigene Wohnung hast und das die Gefahr von damals heute gar nicht mehr existiert.
00:13:01: Es ist also ein bisschen so, als hättest du diesen völlig übermotivierten zwei Meter Bodyguard dabei während du ganz entspannt durch den Supermarkt läufst?
00:13:10: Ja sehr guter Vergleich!
00:13:11: Da fällt dann fünf Meter weiter eine Müsli-Schachtel aus dem Regal und anstatt dich registrieren zu lassen, dass das völlig harmlos ist brüllt der Bodyguard in Deckung schüttet eine Ladung Cortisol aus und reißt dich zu Boden.
00:13:23: Genau so fühlt sich das intern an.
00:13:25: Es ist eine völlig überzogene Reaktion auf die heutige Situation, aber die ursprüngliche Absicht war eben reiner Schutz.
00:13:33: Ein sehr treffendes Bild und wenn wir uns nun anschauen was diese ständige Alarmbereitschaft physisch mit einem erwachsenen Körper macht.
00:13:41: da kommen wir unweigerlich zu dem Konzept dass der Psychiater Dan Siegel als das Window of Tolerance geprägt hat
00:13:49: Das Stress-Toleranzfenster.
00:13:51: Ich kenne das Konzept metaphorisch, es beschreibt diesen Fensterbereich in dem wir uns wohlfühlen und gut mit Stress umgehen können.
00:13:59: aber ich tue mich manchmal echt schwer damit mir vorzustellen wie ein solches Fenster in einem Menschen physisch eng werden kann.
00:14:06: was passiert da auf der körperlichen Ebene?
00:14:08: Das ist eine essentielle Frage für diesen Deep Dive.
00:14:12: Die physische Breite dieses Fensters beschreibt im Grunde die Reizschwelle deiner Amygdala.
00:14:17: Das ist das Angstzentrum tief im Gehirn, oder?
00:14:20: Richtig.
00:14:21: Wenn du als Baby und Kleinkind durch gut regulierte Eltern oft und sicher co-reguliert wurdest dann ist diese Reizschwelle hoch.
00:14:28: D.h.,
00:14:29: es braucht eine relativ große Menge an Stresshormonen um die Amygdaller dazu zu bringen den roten Alarmknopf zu drücken.
00:14:36: Okay verstehe.
00:14:36: Dein System hat gelernt dass Nachanspannung immer wieder Entspannung folgt.
00:14:41: dein Fenster is also weit & elastisch.
00:14:43: Du kannst dich ärgern, du kannst Stress im Job haben.
00:14:46: Du kannst Trauer empfinden aber dein präfrontaler Cortex bleibt online.
00:14:51: Also das rationale abwägende Gehirn arbeitet weiter
00:14:55: Genau!
00:14:56: Du bleibst handlungsfähig
00:14:57: Und bei Menschen mit Entwicklungstrauma ist diese Reizschwelle dauerhaft extrem niedrig angesetzt?
00:15:03: Exakt Das Nervensystem ist chronisch auf Bedrohung geeicht.
00:15:07: Das Fenster ist physisch wirklich verengt.
00:15:09: Es reicht ein winziger Auslöser Ein
00:15:11: bestimmter Tonpfeil oder so
00:15:13: Ja, ein Tonfall vom Partner oder eine unvorhergesehene E-Mail vom Chef.
00:15:19: Und die Amygdala flutet das System sofort mit Cortisol und Adrenalin.
00:15:24: Man schießt direkt aus dem Toleranzfenster nach oben heraus in das sogenannte Hyperarousal.
00:15:30: Das ist dann die extreme Übererregung der Kampf- oder Fluchtmodus?
00:15:33: Richtig!
00:15:34: Der Puls rast Panik steigt auf man wird rasend wütend oder extrem unruhig.
00:15:40: Und...und dass es wichtig Wenn dieser Zustand zu lange anhält und das System völlig überlastet, kippt es auf die andere Seite.
00:15:47: Aus Überlastung?
00:15:48: Genau!
00:15:49: Man fällt nach unten aus dem Fenster in das Hypoarousal.
00:15:53: Das ist die Untererregung dieser biologische Shutdown den wir vorhin beim allein gelassenen Baby besprochen haben.
00:15:59: Man fühlt sich also plötzlich taub-und chronisch erschöpft?
00:16:02: Ja –
00:16:03: das Leben wird dann zu einem ständigen Pendeln zwischen Panik und Erschöpfung
00:16:07: was uns wieder zurück auf den Sofa am Feierabend bringt.
00:16:11: Das erklärt so präzise, warum ausgerechnet die Stille eine massive Bedrohung darstellen kann.
00:16:18: In dem Moment in dem der äußere Lärm wegbricht gerät der innere Wächter einfach in Panik.
00:16:23: Weil Stille getriegert wird?
00:16:25: Genau!
00:16:26: Denn in der kindlichen Prägung bedeutete Stille ja oft... Die Eltern ziehen sich zurück, es gibt keinen Auftrag für mich.
00:16:32: Ich bin nicht
00:16:32: nützlich.".
00:16:33: Und Nicht-nützlich zu sein bedeutete im familiären System keinen Wert zu haben.
00:16:38: Und kein Wert zu habe war für ein abhängiges Kind gleichbedeutend mit Lebensgefahr!
00:16:43: Stille wird vom Stamm hören heute also als akute Lebensbedrohung fehlinterpretiert.
00:16:47: Genau diese Dynamik wird auch von dem Psychologen Marshall Rosenberg beschrieben – das haben wir ja in den Quellen gesehen.
00:16:53: Er sagte sinngemäß «Wir suchen die ständige Stimulation im Außen
00:16:59: Um die inneren Wölfe schlafen zu legen.
00:17:01: Genau, wir lassen den Ton laufen, scrollen endlos durch Social Media, planen hektisch den nächsten Urlaub nur um das Heulen der Inneren Unruhe nicht hören zu müssen.
00:17:13: Wir haben in den Unterlagen von Irene Lyon auch ein faszinierendes Beispiel von Peter Levin gefunden Ein Pionier der Körperpsychotherapie.
00:17:21: Oh ja!
00:17:22: Der Fall von Nancy
00:17:23: Er beschreibt diese Klientin, nennt sie Sie litt unter extremer Angst und chronischen Schmerzen.
00:17:29: Der klassische Ratschlag bei sowas wäre ja setzen sie sich hin schließen die Augen atmen sie tief durch und entspannen sie sich.
00:17:38: was
00:17:38: bei ihr gar nicht funktioniert hat
00:17:39: null.
00:17:40: Das hat bei ihr zu einer massiven Verschlechterung geführt.
00:17:43: Wenn ich unsere bisherigen Punkte jetzt so zusammenfüge, dann hat die bloße Aufforderung zur Entspannung bei ihr denselben Effekt gehabt als würde man einem Soldaten im Schützengraben sagen er soll mal in Ruhe ein Nickerchen machen.
00:17:56: Völlig richtig!
00:17:57: Ihr Nervensystem steckte ihm über Lebensmodus fest.
00:18:01: wenn man in diesem Zustand dann versucht den Körper künstlich zur Ruhe zu zwingen Etwa durch klassische Meditation oder stille Atemübungen reagiert das Stammhieren sofort mit Alarm.
00:18:12: Weil es das nicht kennt?
00:18:13: Weil ist das als gefährlich bewertet?
00:18:15: Es registriert den sinkenden Blutdruck und die entspannenden Muskeln, und meldet sofort Warte!
00:18:20: Warum fahren wir unsere Schilde herunter?
00:18:23: Die Gefahr ist doch noch gar nicht vorüber.
00:18:24: Das ist lebensmüde... ...die Amygdala feuert dann erst recht.
00:18:28: Das ist echt eine enorme Erkenntnis.
00:18:31: Das erklärt ja auch, warum so viele hart arbeitende Menschen pünktlich am ersten Urlaubstag krank werden oder in eine depressive Verstimmung fallen.
00:18:40: Der sogenannte Leisure-Sickness-Effekt.
00:18:42: Ja!
00:18:42: Das System rebelliert einfach gegen den plötzlichen Wegfall der Stresshormone die es bisher am Laufengehalten haben.
00:18:50: aber weißt du das bringt uns eigentlich zu dem entscheidenden Kernproblem.
00:18:54: Welches meinste?
00:18:56: Wenn Einfach mal tief durchatmen oder diese schnellen Achtsamkeitshex, das System nur noch mehr in Panik versetzen wie überzeugen.
00:19:04: Wie überzeugen wir dieses tief geprägte Nervensystem dann jemals davon dass es heute sicher ist?
00:19:10: Da müssen wir echt ins Schritt zurücktreten!
00:19:13: Wir müssen anerkennen, dass schnelle Hex hier nicht greifen weil sie immer nur das Symptom bekämpfen nicht die Ursache.
00:19:19: Wir müssen die Biologie dort abholen wo sie damals stehen geblieben ist.
00:19:23: Okay und wie?
00:19:25: Das Ziel ist es vom sympathischen Bedrohungsmodus in den ventralen Vargus-Modus zu wechseln.
00:19:32: Das ist der Modus für Sicherheit und soziale
00:19:34: Verbindung.".
00:19:35: Lass uns diesen Vargusnerv mal kurz anatomisch verorten, einfach um zu verstehen warum er so mächtig ist!
00:19:41: Soweit ich weiß, ist das der zehnte Hirnnerv – wie ein riesiges Kabel vom Hirnstamm hinab durch den Hals an Herz und Lunge vorbei bis in den Verdauungstrakt verläuft…
00:19:56: enorm wichtiges Netzwerk.
00:19:57: Er verbindet also das Gehirn wirklich physisch mit den wichtigsten Organen.
00:20:02: Richtig!
00:20:03: Und er fungiert als die wichtigste biologische Bremse in unserem Körper, wenn der ventrale Zweig dieses Nervs aktiviert wird schüttet er unter anderem Acetycholine aus.
00:20:13: Was macht das?
00:20:14: Das verlangsamt den Herzschlag physisch es senkt den Blutdruck und aktiviert die Verdauung.
00:20:19: Das spannende ist nun dass wir diese Bremsen über den Körper ganz mechanisch bedienen können.
00:20:26: Unsere Atmung ist dabei der direkte Hebel.
00:20:28: Da kommt dann dieses Cyclic-Sying ins Spiel, oder?
00:20:32: Aus dem Papieren – genau!
00:20:34: Die Forschung zeigt das dieses CyClic-sying enorm effektiv ist.
00:20:38: Das bewusste Verlängerter ausatmen.
00:20:41: Exakt.
00:20:41: Wenn du länger ausatmest als einatmst etwa mit einem Rhythmus von vier Sekunden ein und acht Sekunden aus bewegt sich dein Zwerchfell so dass es einen sanften physischen Druck auf den Vargusnerv ausübt
00:20:55: Und das stimuliert ihn dann?
00:20:56: Ja.
00:20:57: Diese mechanische Stimulation sendet ein glasklares, physiologisches Signal an den Hirnstamm.
00:21:03: Wir können so langsam atmen weil gerade absolut kein Säbelzahn-Tiger hinter uns steht.
00:21:09: Die Umgebung ist sicher
00:21:11: Wahnsinn!
00:21:12: Das ist pure Biologie.
00:21:13: Ich erinnere mich auch an die Forschungsergebnisse zur MDMA gestützten Traumatherapie aus unserer Recherche die diesen Sicherheitsmodus extrem eindrücklich belegen.
00:21:23: Eine faszinierende Entwicklung in der Forschung.
00:21:26: Die Substanz an sich heilt ja nicht, aber sie dämpft für einige Stunden massiv diese Aktivität der Amygdala und flutet das System gleichzeitig mit Oxytozin – also dem Bindungshormon
00:21:38: Genau!
00:21:40: Und das ändert alles für den Klienten.
00:21:42: Richtig, das führt dazu dass Klientinnen plötzlich Zugang zu ihren tiefsten Schmerzen haben ohne davon sofort wieder in Panik versetzt zu werden.
00:21:49: Der innere Alarm ist einfach mal aus.
00:21:52: Und das beweist doch im Grunde, dass selbst mit Gefühl und tiefe Reflektionen biologisch gar nicht möglich sind solange man sich im Überlebensmodus befindet.
00:22:02: Man muss das Nervensystem erst physisch in Sicherheit bringen bevor man psychologisch arbeiten kann.
00:22:08: Eine sehr präzise Zusammenfassung Wirklich Solange die Ermögtaler feuert blockiert sie den Präfrontalen Cortex.
00:22:15: Du kannst dich selbst einfach nicht wohlwollend betrachten, wenn dein Gehirn felsenfest glaubt es müsse gerade deinen Leben retten.
00:22:20: Logisch!
00:22:21: Aber und das ist wichtig wir brauchen für diese Sicherheitssignale keine Substanzen.
00:22:27: Neben den Atemtechniken ist der Schutz des eigenen Schlafs einer der stärksten Faktoren, denen wir selbst in der Hand haben.
00:22:34: Schlaf?
00:22:36: Wirklich?!
00:22:37: Ja... Kronischer Schlafmangel schwächt die neuronale Verbindung zwischen dem präfrontalen Cortex- und der Amygdala massiv.
00:22:44: Das heißt, die emotionale Bremse fällt aus und die Amygdala wird um bis zu sechzig Prozent reaktiver.
00:22:51: Wer schlecht schläft hat ein extrem dünnes
00:22:53: Nervenkostüm.".
00:22:55: Das leuchtet sofort ein!
00:22:56: Aber der eigentliche Hebel, um das alte Betriebssystem dauerhaft so aktualisieren, liegt laut den Traumatologen im Zwischenmenschlichen.
00:23:04: Wir kommen wieder auf die Korregulation vom Anfang zurück – Sie sprechen davon korrigierenden Beziehungserfahrungen.
00:23:11: Wir wurden als Kinder durch fehlende Verbindung verwundet und interessanterweise können wir das wohl nur durch echte Verbindungen wiederhellen.
00:23:41: sondern dir mit einem regulierten Nervensystem zuhört.
00:23:44: Dann passiert was?
00:23:45: Dann
00:23:46: passiert etwas Magisches im Gehirn, man nennt das Erinnerungs-Neukonsolidierung.
00:23:51: Das Gehirne öffnet quasi die alte traumatische neuronale Akte fügt die neue Erfahrung von Sicherheit und gehalten werden hinzu und speichert die Akte neu ab.
00:24:02: Die alte Reaktion wird so Stück für Stück überschrieben.
00:24:05: Das ist eine unglaublich hoffnungsvolle Perspektive.
00:24:08: Aber ich kann mir doch auch selbst zu dieser sicheren Instanz werden, richtig?
00:24:12: Die sogenannte Arbeit mit inneren Anteilen schlägt ja genau in diese Kerbe!
00:24:16: Ja definitiv
00:24:17: Der Wächter schläge Alarm.
00:24:19: Dann versuche ich also nicht diesen Wächtern wütend wegzudrängen.
00:24:22: Wegdrängen erzeugt nur noch neuen Stress.
00:24:25: Eine etablierte neurobiologische Technik dafür heißt Name it to tame It
00:24:29: Benenne es um es zu zähmen.
00:24:31: Genau Wenn die Unruhe aufsteigt, ninst du sie wahr und benenst sie innerlich völlig neutral.
00:24:37: Du sagst ihr?
00:24:39: Ah!
00:24:39: Da ist der alte Wächter.
00:24:42: Er macht gerade wieder seinen Joar.
00:24:46: Allein dieser Akt der Beobachtung und Benennung holt dich aus der Identifikation mit der Angst heraus.
00:25:02: Aus dieser Distanz heraus kannst du deinem Nervensystem signalisieren.
00:25:06: Ich sehe, dass du mich beschützen willst?
00:25:08: Danke!
00:25:09: Aber ich bin heute erwachsen und habe eigene Ressourcen.
00:25:12: Du darfst dich jetzt wirklich ausruhen.
00:25:15: Und das kombinierst du dann am besten mit dem langen Ausatmen, das wir vorhin besprochen haben.
00:25:19: Sehr cool.
00:25:20: Lass uns all diese Fäden mal zusammenziehen.
00:25:23: Gerne
00:25:23: Wenn du, der uns gerade zuhört das nächste Mal auf dem Sofa sitzt und diese bekannte kribbelige Unruhe in dir hochkriegt dieser drängende Impuls wieder aufzuspringen und sofort in den Machermodus zu flüchten dann erinnere dich an die Mechanismen, die wir heute in diesem Deep Dive besprochen haben.
00:25:41: Mache dir klar!
00:25:42: Das ist absolut kein Konstruktionsfehler in deiner Persönlichkeit.
00:25:46: Es ist der Beweis, dass dein Körper und deinen Nervensystem brillant funktioniert haben.
00:25:52: Sie haben deine Umgebung analysiert und dich als Kind mit allem gerettet was biologisch zur Verfügung stand.
00:25:58: Richtig!
00:25:59: Diesen Mechanismus zu erkennen den Bodyguard sanft in den Feierabend zu schicken statt ihn ständig zu bekämpfen ist wirklich der fundamentale Schritt zur echten Heilung.
00:26:09: Und ich möchte dir dazu noch einen letzten Gedanken mitgeben der genau auf diesen Gesetzen der Neurobiologie beruht.
00:26:15: Wir haben heute intensiv über die Vergangenheit deines Gehirns gesprochen und wie tief sich alte Unsicherheiten in deine neuronale Architektur eingeschrieben
00:26:24: haben.
00:26:25: Aber die wichtigste Eigenschaft eines Gehirn ist die Neuroplastizität, also die lebenslange physische Fähigkeit, sich durch neue Erfahrungen komplett neu zu vernetzen.
00:26:35: Es ist nie zu spät?
00:26:37: Nee!
00:26:38: Wenn dein Nervensystem als kleines abhängiges Kind In der Lage war sich so extrem intelligent, so komplex und so widerstandsfähig an eine Umgebung voller Gefahr- und Unsicherheit anzupassen.
00:26:51: Dann
00:26:52: stell dir nur ein Moment lang vor wozu exakt dieses selbe geniale Gehirn in den nächsten Jahren in der Lage sein wird wenn du anfängst ihm durch neue Gewohnheiten und Mitgefühl konsequent beizubringen wie sich echte Sicherheit anfühlt.
00:27:07: Wow, das ist wirklich der perfekte Schlusspunkt für unsere heutige Analyse.
00:27:11: Wenn man die eigene Biologie nicht länger als feind sondern als unglaublich loyalen Verbündeten begreift dann ändert sich tatsächlich alles.
00:27:20: Absolut!
00:27:21: Wir hoffen du konntest aus diesem Deep Dive genauso viele erhellene Momente für dich mitnehmen wie wir bei der Recherche.
00:27:27: Danke dass Du dabei warst – wir freuen uns schon sehr auf das nächste Thema mit Dir.
00:27:31: Bis dahin atme langsam aus und pass gut auf deinen alten Wächter auf.
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