Der große Sommer - Zusammenfassung
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00:00:00: Stell dir mal vor, du bist fünfzehn oder vielleicht sechzehn Jahre alt.
00:00:04: Es ist der absolute Höhepunkt der Sommerferien!
00:00:06: Die beste Zeit des Jahres eigentlich?
00:00:08: Genau die Sonne brennt...die Luft riecht so richtig nach Chlor und Pommes und du stehst da mit deinen drei besten Freunden zusammen.
00:00:16: Ihr habt gerade euer gesamtes Taschengeld zusammengelegt
00:00:19: Aber wahrscheinlich nicht um euch Konzertkarten für irgendeinen Rockband zu kaufen oder?
00:00:23: Nee eben nicht Und auch nicht für heimliches Dosenbier oder sowas.
00:00:27: Ihr legt euer Geld zusammen, um euch auf dem örtlichen Friedhof ein gemeinsames Grab zu kaufen.
00:00:34: Das ist schon ein absolut verstörendes Bild für einen vermeintlich unbeschwerten Sommer.
00:00:38: Total!
00:00:39: Aber genau dieser drastische Kontrast ist eigentlich der Kern unserer heutigen Reise.
00:00:44: Herzlich
00:00:44: willkommen zu dieser neuen maßgeschneiderten Tiefenanalyse – exklusiv für dich zusammengestellt.
00:00:53: Du hast uns da ja einen echten... einen massiven Stapel an Material auf den Schreibtisch gepackt.
00:00:59: Oh ja, da war einiges dabei!
00:01:01: Wir reden hier von Buchrezensionen, tiefgehenden didaktischen Handreichungen für den Deutschunterricht also von Verlagen wie Krabb und Gutknecht und Klett dazu Wikipedia-Einträge und echt faszinierende Autoreninterviews.
00:01:15: Eine richtig gute Mischung
00:01:17: Absolut.
00:01:18: Und unsere Mission heute wir setzieren den Bestseller Roman der große Sommer von Ewald Ahrens Und wir werden uns heute nicht mit so einer flachen Inhaltsangabe aufhalten, sondern wir wollen das Getriebe dieses Buches auseinandernehmen.
00:01:32: Mhm, genau!
00:01:33: Wie funktioniert es eigentlich?
00:01:35: Ja wie wird aus einer simplen Coming-of-Age-Geschichte die oneinundhundertachzig spielt ein moderner Klassiker – Ein Buch, dass heute einerseits die Generation Z in den Schulen fesselt und andererseits bei den Babyboomern massive Nostalgiewellen auslöst.
00:01:50: Um diese Mechanik zu verstehen, müssen wir uns zuerst die Fallhöhe des Protagonisten ansehen.
00:01:55: Okay,
00:01:56: she's los!
00:01:57: Also wenn du eine starke Entwicklung zeigen willst in deiner Geschichte, darfst du deinen Helden nicht auf einem bequemen Sofa starten lassen?
00:02:03: Er muss am absoluten Tiefpunkt beginnen.
00:02:06: Logisch
00:02:07: Und für einen Teenager im Jahr onehundertundachtzig gibt es kaum einen tieferen Abgrund als das was unserem Protagonist Friedrich genannt Frida da passiert.
00:02:16: Es
00:02:16: ist der Albtraumschleft hin.
00:02:18: Wir befinden uns in so einer ungenannten fränkischen Kleinstadt, die sehr nach Nürnberg klingt – also die Nürrnberger Luft atmet und Frieder hat zwei Fünfen auf dem Zeugnis.
00:02:27: Mathematik & Latein.
00:02:29: Die Todesstrafe für jeden Gymnasiasten damals
00:02:32: Und auch heute noch
00:02:33: Wahrscheinlich ja.
00:02:36: Während also seine gesamte Familie und wir reden hier von fünf Geschwistern lachend in den Sommerurlaub fährt wird Frieda ins Exil geschickt.
00:02:45: Er muss wochenlang böffeln, um diese Nachprüfungen zu bestehen.
00:02:49: Und sein Gefängnis ist das Haus seiner Großeltern?
00:02:52: Oh Gott ja!
00:02:53: Ein Setting, dass im Grunde wie ein psychologischer Schnellkochtopf funktioniert.
00:02:57: Auf der einen Seite haben wir den Stiefgroßvater Professor Walter Der Ist Bakteriologe.
00:03:05: Das ist sicher kein Zufall oder?
00:03:06: Nee
00:03:07: absolut nicht.
00:03:07: Dass Arendts ihm diesen Beruf gegeben hat, das hat System.
00:03:11: Ein Bakteriolauge sucht nach absolute Ordnung nach mikroskopischer Reihenheit und vor allem, nach Kontrolle.
00:03:17: Und das prallt dann auf Frieder.
00:03:19: Erinnert es brellt ungebremst auf ein Teenager der in diesem Alter das personifizierte Chaos ist?
00:03:25: Ein Jugendlicher, der akademisch gerade massiv gescheitert ist?
00:03:29: Der Großvater ist streng, kühl, unnahbar?
00:03:33: Ein Relikt einer völlig anderen fast schon militärischen Disziplin-Generationen?
00:03:39: Da sitzt du also im verdunkelten, nach altem Papier riechenen Arbeitszimmer über lateinischen Vokabeln.
00:03:45: Während draußen das Pralle Leben tobt.
00:03:48: Heftig!
00:03:48: Das ist ja keine Langeweile mehr – das ist quasi eine physische Qual.
00:03:52: Aber zum Glück gibt es in diesem Haus ein Gegengewicht.
00:03:54: Sonst würde die Geschichte ja nach drei Seiten mit einer Fluchtenden nämlich an….
00:03:58: Die Großmutter Nanna.
00:04:00: Ja, Nanna ist der emotionale Puffer in diesem familiären Ökosystem.
00:04:05: Sie ist künstlerisch veranlagt, warmherzig und vor allem ist die pragmatisch.
00:04:10: Sie begreift einfach instinktiv, dass man einen fünfzehnjährigen nicht wochenlang wie ein Tier im Käfig halten kann ohne das er durchdreht.
00:04:20: Genau!
00:04:20: Nach dem stundenlangen Lernen muss Frieder raus – Er darf ins Freibad.
00:04:25: Und dort?
00:04:27: Zwischen nassen Handtüchern und dem Geruch von Sonnencreme passiert das was in jedem guten Sommer passieren muss.
00:04:34: Auf dem Sprungturm prifft er Beate Das Mädchen im flaschengrünen Badeanzug.
00:04:39: Klassiker!
00:04:40: Total, er vergisst in seiner völligen Überforderung natürlich sie nach ihrer Adresse oder Telefonnummer zu fragen?
00:04:46: Aber dieser Moment auf dem Sprungturm ist wie ein Funke in einem Pulverfass.
00:04:51: Plötzlich mutiert dieser Gefängnis-Sommer zum wichtigsten Sommer seines Lebens.
00:04:56: Was mich beim Lesen deiner Quellen aber extrem beschäftigt hat, ist die Frage nach dem Warum Warum ausgerechnet?
00:05:05: Warum funktioniert diese Explosion der Gefühle spezifisch in dieser Epoche so gut?
00:05:11: Das ist eine superwichtige Frage.
00:05:13: Das Jahr oneinzehntundhalbundachtzig funktioniert hier als architektonisches Grundgerüst für die gesamte Charakterentwicklung.
00:05:20: Inwiefern?
00:05:21: Wir
00:05:21: sprechen von einem psychologischen Vakuum.
00:05:24: In einer analogen Welt ohne Smartphones, ohne ständige Erreichbarkeit und ohne diese kuratierten Social Media Feeds entsteht eine extrem tiefe fast schon aggressive Form der Langeweile.
00:05:37: Ja, das kennen wir heute gar nicht mehr so richtig.
00:05:39: Genau!
00:05:40: Wenn Frieda mit Beate sprechen will muss er das Festnetz-Telefon im Flur der Großeltern belagern immer in einer ständigen Gefahr dass der strenge Großvater dazwischen funkt
00:05:49: Oder er muss stundenlang an so ner gelben Telefonzelle warten.
00:05:52: Dieses Vakuum von dem du sprichst Die Natur hast ja ein Vakum
00:05:56: Absolut.
00:05:57: Wenn das Gehirn eines Teenagers nicht durch einen Algorithmus von außen mit Reizen gefüttert wird fängt es an seine eigene Schwerkraft zu entwickeln.
00:06:06: Es muss die Lehre irgendwie selbst füllen.
00:06:09: Und das tun Frieda und seine frisch gebackene Klicke dann auch, und zwar mit einer Wucht, die mich in den Unterlagen echt überrascht
00:06:15: hat.".
00:06:16: Genau hier kippt der Roman dann auch von einer, ich sag mal, seichtenden Freibad-Romanze... ...in eine ernsthafte Charakterstudie!
00:06:24: Die Klickel ist so ein faszinierender Mikrokosmos.
00:06:27: Neben Frida und Beate haben wir Alma, Friedas jüngere Schwester.
00:06:31: Die is ja schulisch viel besser als er oder?
00:06:34: Ja,
00:06:34: eine brillante Dynamik.
00:06:36: Sie ist jünger aber schulisch extrem erfolgreich.
00:06:38: ihr fliegen die Dinge einfach zu während er halt an Mathe und Latein verzweifelt.
00:06:43: Und dann ist da noch Johann.
00:06:44: Der beste Freund!
00:06:46: Hochintelligent, fanatischer Heavy Metal-Hörer und letztlich der Katalysator für das Drama.
00:06:52: Weil diese hochintelligente aber in den Ferien quasi völlig unbetreute Truppe anfängt massiv Grenzen zu überschreiten.
00:06:59: Laut den Unterrichtsmaterialien klauen die ja nicht mal eben nen Kaugummi am Kiosk.
00:07:04: Nee, das geht viel weiter...
00:07:06: Sie brechen nachts in ein Schwimmbad ein, klauen massenhaft Lebkuchen, demolieren einen echten Bagger auf einer Baustelle und haben plötzlich die Polizei- und extrem wütende Bademeister am Hals.
00:07:18: Da fragt man sich als Hörer schon so ein bisschen – sind das einfach nur kriminelle Jugendliche?
00:07:23: Warum eskaliert das so schnell?
00:07:25: Das ist der Versuch, die Koordinaten der eigenen Existenz irgendwie neu zu vermessen.
00:07:30: Wenn du als Jugendlicher keinen vorgegebenen Rahmen hast, musst du halt solange gegen die Wände der Realität rennen bis du spürst wo die Grenzen der Erwachsenenwelt eigentlich verlaufen.
00:07:39: D.h.,
00:07:40: der Bagger war nur ein Symptom?
00:07:42: Genau!
00:07:43: Die Zerstörung des Baggers ist ein Ausdruck roher völlig unkanalisierter Energie.
00:07:49: Das ist keine böswillige Kriminalität sondern so'n Ohnmächtiges Aufbegehren gegen die Fremdbestimmung unter der ja besonders Frieda durch diese Nachprüfungen leidet.
00:08:00: Die äußeren Grenzen ja nur der Anfang sind, Frieder bricht auch innere extrem intime Grenzen.
00:08:06: er fängt an heimlich im Tagebuch seiner Großmutter Nana zu lesen.
00:08:10: Ja, ein krasser Moment.
00:08:12: Das hat mich beim Durcharbeiten der Quellen fast noch mehr schockiert als der Bagger.
00:08:15: um ehrlich zu sein Es ist ja ein unglaublicher Vertrauensbruch gegenüber den einzigen Personen die ihn in diesem Haus wirklich beschützt.
00:08:21: Er sucht in diesem Tagebuch aber im Grunde nach einer Gebrauchsanweisung für das Leben.
00:08:26: Die Erwachsenen um ihn herum fordern immer nur Disziplin Aber sie erklären ihm überhaupt nicht wie man mit der Wucht von Emotionen umgeht Oder
00:08:34: mit Scheitern
00:08:35: oder mit der ersten Liebe.
00:08:36: genau Indem er also in diese geheimen Gedanken seiner Großmutter eindringt, versucht er verzweifelt das Konstrukt Erwachsensein zu entschlüsseln.
00:08:45: Aber dieses ständige Reiben an den Grenzen, das fordert bald einen gewaltigen Tribut – die Gruppe zerbricht ja fast an sich selbst!
00:08:53: Wegen Joran.
00:08:54: Er bringt das gesamte Konstrukt zum Einsturz.
00:08:57: Mhm.
00:08:57: Er streut so eine gewaltige Lüge, einer Anschuldigung, die sich wirklich wie Gift durch die Klicke frisst... Er treibt einen Keil zwischen Frieder und seine Schwester Alma, uns zerstört beinahe diese aufkeimende Beziehung zu Beärte.
00:09:09: Das ist der Moment in dem alles kippt!
00:09:11: In einem dieser Kletthäfte wird der Moment echt perfekt zusammengefasst – da steht….
00:09:15: Vor einer Stunde war noch alles super gewesen ….
00:09:18: dann war der Tag plötzlich auseinandergeflogen wie eine Bombe und hatte überall Verwüstung zurückgelassen.
00:09:23: Das is' der Moment, in dem die Seifenblase endgültig
00:09:26: platzt.".
00:09:26: Und die Ursache für diese Explosion fügt dem Roman seine dunkelste und auch wichtigste Ebene hinzu.
00:09:33: Wir erfahren nämlich, dass Johann an einer Psychose leidet – also einer ernsthaften psychischen Krankheit.
00:09:42: Absolut!
00:09:43: Die Jugendlichen werden völlig ungeschützt mit etwas konfrontiert, das sich weder durch gute Noten noch durch irgendwelche rebellischen Streichekontrollieren lässt.
00:09:51: Der Kontrollverlust wird plötzlich real….
00:09:54: Womit wir wieder bei unserem düsteren Bild ganz vom Anfang wären, dem Friedhof.
00:09:59: Johann schlägt ja vor dass sie zu viert an Grab kaufen.
00:10:01: Genau!
00:10:02: Und hier muss ich wirklich mal ein Haken denn als sich das in deinen Notizen gelesen habe dachte ich echt es kauere ich dem Auto doch nicht ab.
00:10:08: Wir reden hier von fünfzehnjährigen in den Sommerferien.
00:10:11: Die haben ihren ersten Kuss die trinken vielleicht mal heimlichen Bier
00:10:14: Aber Sie kaufen keine Immobilien auf dem Friedhoof
00:10:17: Eben Ein Grab kaufen.
00:10:20: Das fühlt sich für mich mehr nach einer Mitlife-Crisis von Leuten in den Vierzigern an, als nach so einer authentischen Teenager-Rebellion.
00:10:27: Wie rettet das Buch diese Prämisse denn ohne komplett ins Mobide und unrealistische abzudriften?
00:10:44: Ah ok...
00:10:46: Wenn jemand in deinem engsten Kreis, dein bester Freund plötzlich den Verstand verliert wird die eigene Verletzlichkeit brutal sichtbar.
00:10:54: Der Kauf dieses Grabes ist also gar kein Ausdruck von Todessehnsucht
00:10:58: Sondern?
00:10:58: Im Gegenteil es ist ein verzweifelter fast schon manischer Ankerwurf in die Ewigkeit
00:11:04: Ein Pakt quasi der besagt selbst wenn uns das Leben jetzt zerreißt wir bleiben hier an diesem physischen Ort für immer zusammen.
00:11:12: Exakt das!
00:11:13: Es ist der extreme Ausdruck ihres Lebenshungers.
00:11:16: Sie begreifen zum allerersten Mal in ihrem Leben, dass alles was sie gerade fühlen diese extrem intensive erste Liebe Diese Freundschaft, dass das alles vergänglich ist.
00:11:28: Der Tod rückt als realer Mitspieler auf das Spielfeld.
00:11:31: Genau.
00:11:32: Und indem sie dieses Grab kaufen schauen sie der Sterblichkeit direkt in die Augen und sagen Wir haben verstanden, dass du da bist.
00:11:41: Aber wir gehören trotzdem
00:11:42: zusammen.".
00:11:43: Okay – wow!
00:11:45: Das ist ein wirklich starkes Argument.
00:11:46: Wenn man das als ultimativen Akt des Festhaltens an der eigenen Existenz begreift, macht es total Sinn.
00:11:53: Aber um solche existenziellen, beinah schon wahnsinnigen Teenager-Gedanken so auf Papier zu bringen….
00:11:58: …das Kritiker also wie der barrische Ohnfunk von einer grandiosen Empathie für Jugendliche sprechen?
00:12:03: Da muss man doch als Autor fast schon selbst durch eine ähnliche Hölle gegangen sein...
00:12:08: Das kann man wohl sagen, ja.
00:12:09: Und wenn wir uns die Biografie von Ewald Arendt mal ansehen dann erklärt das absolut alles!
00:12:16: Die Parallelen zwischen dem Auto und seinem Werk sind hier wirklich so dicht dass man fast schon von einer literarischen Autobiographie sprechen kann.
00:12:24: Ewald Arenth der ist Jahrgang nineteenhundertsechzig hat diesen Sommer oder zumindest die emotionale Essenz davon am eigenen Leib erfahren.
00:12:33: Wobei die größte Ironie seiner Biografi für Micha sein heutiger Beruf.
00:12:37: Wir sprechen hier über ein Buch, in dem die Schule wirklich als absoluter Feind betrachtet wird.
00:12:42: Ein Ort des Schreckens
00:12:44: Genau!
00:12:44: Ein Ort der Träume zerstört und Sommerferien ruiniert.
00:12:48: Und geschrieben hat das einen hauptberuflicher Lehrer für Englisch- und Geschichte an einem Nürnberger Gymnasium.
00:12:53: Wie passt das denn bitte zusammen?
00:12:55: Ja... Das klingt erstmal absurd Aber es passt zusammen weil Arendt eben nicht Muster-Schüler geboren wurde, der von einer ersten Klasse direkt freudig ins Lehrerzimmer spaziert ist.
00:13:07: Er hat diese schulische Ambivalenz bis zur absoluten Schmerzgrenze ausgetestet.
00:13:13: Er brauchte unglaubliche fünfzehn Jahre bis zum Abitur.
00:13:17: Fünfzehn jahre?
00:13:18: Er ist also quasi die personifizierte Ehrenrunde!
00:13:22: Er ist zweimal sitzen geblieben und rate mal in welchen Fächern.
00:13:26: Lass mich raten Mathematik & Latein?
00:13:28: Mathematic&Latein – genau sie Frieda.
00:13:31: Und noch gravierender, auch Arins wurde in den Ferien zum Lernen zu seinem eigenen sehr strengen Stiefgroßvater geschickt.
00:13:39: Ach klar!
00:13:40: Er saß also selbst in diesem psychologischen Schnellkochtopf – er weiß hagenau wie sich diese Ohnmacht anfühlt.
00:13:47: Wenn draußen die Sonne scheint und du startst auf ein Vokabelheft und hast das Gefühl dein ganzes Leben zieht grad an dir vorbei….
00:13:54: Das ist unfassbar faszinierend.
00:13:56: Er hat also nicht einfach nur ein cooles Setting erfunden, er hat ein eigenes Trauma literarisch verarbeitet.
00:14:03: Er kommt übrigens auch aus einer riesigen Familie habe ich in den Quellen gesehen – er ist das Älteste von sieben Kindern!
00:14:08: Ja richtig Und wenn man so tief in die eigenen Erinnerungen eintaucht erklärt es ja auch warum manche Figuren so extrem greifbar sind.
00:14:15: Ich habe da gelesen dass die Großmutter Nana nicht einfach Nur seiner Fantasie entsprungen ist.
00:14:20: Nee überhaupt nicht.
00:14:21: Sie soll eine massive Hommage an jemanden aus seinem echten Leben darstellen.
00:14:25: Ja, Nana basiert in weiten Teilen auf der Persönlichkeit seiner eigenen Ehefrau, der Künstlerin Bärbel Ahrens.
00:14:32: Er hat also diese pragmatische, wärmende Rettung seiner eigenen Realität genommen und sie quasi in das fiktive Konstrukt des Jahres oneinundachtzig verpflanzt.
00:14:42: Um seinen Protagonisten so ein Rettungsanker zu werfen?
00:14:45: Genau!
00:14:46: Aber lass uns noch mal kurz auf diesen Lehreraspekt zurückkommen... Du fragst dich jetzt als Zuhörer vielleicht, warum schreibt ein heutiger Lehrer einen Bestseller der das Schulsystem eigentlich als total frustrierend und einengend darstellt?
00:14:59: Das ist eine berechtigte Frage.
00:15:01: Das erfordert doch eine brutale Ehrlichkeit sich selbst und dem eigenen Berufsstand gegenüber
00:15:07: Und dass es genau der Grund, warum dieses Buch eine solche erzählerische Wucht hat.
00:15:12: Ahrens steht heute am Lehrapult und blickt in die Gesichter der Fünfzehnjährigen Aber er blickt eben nicht arrogant von oben herab auf sie, sondern sieht ein Stück weit sich selbst in ihnen.
00:15:22: Er hat den Interviews immer wieder einen zentralen Satz geprägt – die Biochemie des Erwachsenwerdens hat sich nicht verändert!
00:15:29: Ah ok….
00:15:30: Die Technologie ist zwar eine völlig andere … aber das Gefühl an sich ist identisch.
00:15:35: Ganz genau.
00:15:35: Ob du in onehundundachzig neben so einem klobigen Wählscheibentelefon stehst und betest dass es klingelt Oder ob du heute auf das Display deines Smartphones starst und auf die blauen Haken einer WhatsApp-Nachricht wartest.
00:15:49: Die Schweißausbrüche, die Angst, diese Euphorie – das ist exakt derselbe körperliche Vorgang.
00:15:55: Vollkommen richtig!
00:15:56: Und genau dieses tiefe Verständnis für die Zeitlosigkeit juveniler Emotionen ist der Grund, warum dieses Buch in Windeile den Weg vom Bestseller TESCH direkt in die Lehrpläne der Republik gefunden hat.
00:16:09: Und das ist unser letzter großer Puzzlestein in dieser Analyse!
00:16:12: Aus deinen Unterlagen, die du uns geschickt hast, geht nämlich hervor, dass der große Sommer massiv in den Schulen gelesen wird – zum Beispiel ist es absolute Pflichtlekteure für den Realschul- und Hauptschulabschluss in Baden-Württemberg für die Abschlussjahrgänge im Jahrmehr von dem Jahrhundert bis zum Jahrzehntag.
00:16:29: Die didaktischen Verlage stürzen sich förmlich darauf….
00:16:32: Ja, es gilt als sogenannte All-Age Roman perfekt um Lesemotivation in der neunten und zehnten Klasse zu erzeugen.
00:16:39: Aber hier habe ich beim Lesen der Quellen eine echte Diskrepanz gefunden die wir unbedingt klären müssen!
00:16:44: Okay,
00:16:45: welche Diskrepanz meinst du genau?
00:16:47: Also wenn Du Dir die Rezensionen auf Plattformen wie Audible durchliest dann siehst Du dass dieses Buch bei der Generation der Baby Boomer also Menschen die in den Sechzigern oder Siebzigern geboren wurden eine unfassbare Nostalgiewelle auslöst.
00:17:00: Die weinen teilweise weil sie ihre eigene Jugend wieder erkennen.
00:17:04: Gleichzeitig setzen wir genau dieses Buch jetzt der Generation Z, also heutigen Fünfzehnjährigen im Unterricht vor.
00:17:11: Wie zur Hölle schafft ein Buch diesen Spagat?
00:17:14: Warum rollen die Fünfzehnjährigen heute bei einem Achtziger-Jahressetting nicht völlig genervt mit den Augen?
00:17:19: Er Schlüssel dazu liegt in der literarischen Architektur.
00:17:23: Spezifisch in der Erzähltechnik, die Arendt hier anwendet.
00:17:27: Er erzählt die Geschichte nämlich nicht plumpkronologisch von a nach b – er installiert eine Rahmenhandloh!
00:17:33: Das heißt...
00:17:34: Das Buch beginnt in der Gegenwart.
00:17:36: Ein älterer Mann, also der erwachsene Frieda steht auf einem Friedhof, sucht ein bestimmtes Grab und erinnert sich dann quasi zurück.
00:17:44: Ah... Er baut eine Brücke!
00:17:47: Er nimmt den Boomer-Leser in seiner aktuellen Realität an die Hand und führt ihn zurück in die Vergangenheit während der junge Leser sofort sieht dass diese extremen Emotionen der Jugend einen Menschen ein ganzes Leben lang prägen können.
00:17:59: Ganz genau Das ist der Trick.
00:18:01: Aber der pädagogische Wert für die Schule, der geht eigentlich noch viel tiefer!
00:18:06: Das Hating von oneinzehntundachzig ist letztlich nur die Theaterkulisse.
00:18:10: Okay... Das Stück das auf dieser Bühne gespielt wird handelt von ganz existenziellen Erkenntnisprozessen.
00:18:17: Identitätsfindung Die allererste große Enttäuschung durch Freunde Die Abnabelung von den Eltern Das sind völlig universelle Konflikte.
00:18:25: Ein fünfzehnjähriger heute hat exakt denselben Drang, die Regeln seiner Eltern infrage zu stellen wie Frieda in oneinzehntundachzig.
00:18:34: Richtig!
00:18:34: Und wenn wir uns die Lehrerhandreichungen von Klett genauer ansehen wird auch schnell klar dass dieses Buch nicht nur für die Psychologie der Schüler genutzt wird sondern auch knallhart als Werkzeug für den Geschichtsunterricht.
00:18:46: wegen des Großvaters
00:18:47: Genau.
00:18:48: Der Roman ist tief in seinem Kern Auch ein Familien-Roman, der sich eine Generationen abarbeitet.
00:18:54: Es geht da um das Spannungsverhältnis zur nationalsozialistischen Vergangenheit in den deutschen Familien.
00:18:59: Der Großvater ist ja so eine Autoritätsfigur, deren Strenge und Kühle aus einer Zeit stammen, in der Empathie oft als echte Schwäche
00:19:08: galt.".
00:19:08: Das heißt Frieder rebelliert gar nicht nur gegen einen strengen Mann?
00:19:11: Ne!
00:19:11: Er rebelliert gegen das emotionale Erbe einer ganzen Generation.
00:19:15: Schüler können an diesem Text analysieren wie historische Altlasten, wie Traumata-und ungesagte Wahrheiten von Familienmitgliedern über Jahrzehnte hinweg vergiften können.
00:19:26: Puh,
00:19:26: das ist echt schwerer Tobak für ein Deutschunterricht!
00:19:29: Aber es zwingt die Schüler natürlich massiv zur Reflexion – wobei wir an dieser Stelle auch auf einen Warnhinweis in den didaktischen Materialien von Krabb und Gutknecht eingehen müssen.
00:19:38: Ja…das ist ein wichtiger Punkt.
00:19:40: Das
00:19:41: Buch wird zwar überall für seine hohe literarische sehr bildhaft- und poetische Sprache gelobt.
00:19:46: Es fließt wohl wunderschön aber Und das ist ein wirklich großes Aber für moderne Klassenzimmer.
00:19:52: Es verwendet authentischen Slang der Achtzigerjahre.
00:19:55: Und der war nicht immer schön?
00:19:57: Gar nicht!
00:19:58: Dazu gehört auch Sprache, die heute völlig zu Recht als hochgradig problematisch gilt.
00:20:02: Eine Figur verwendete zum Beispiel das diskriminierende Wort Spast – einen ablästigen Begriff der Menschen mit Behinderungen ganz klar abwertet.
00:20:10: Du fragst dich jetzt vielleicht.
00:20:12: Wir wollen hier gar keine Stellung beziehen, das ist nicht unser Job!
00:20:15: Aber warum um Himmels Willen pushen Bildungsverlage ein Buch mit solchen Wörtern in moderne diverse Klassenzimmer?
00:20:21: Ja die didaktischen Handreichungen sind aber sehr eindeutig in ihrer Methodik...
00:20:26: Was sagen sie dazu?
00:20:27: Sie empfehlen diesen Text nicht trotz, sondern teilweise gerade wegen dieser sprachlichen Reibungspunkte.
00:20:33: Literatur ist eben kein steriler Raum – sie konserviert den ungeschönten Sprachgebrauch ihrer jeweiligen Zeit!
00:20:40: Wenn dieser Begriff im Roman fällt, ist das für die Lehrkräfte die direkte Aufforderung, den Text sofort anzuhalten.
00:20:47: Solche Wörter bleiben nicht unkommentiert im Raum stehen….
00:20:50: Sie vifanisieren diesen Moment quasi für den Unterricht.
00:20:53: Sie nutzen ihn aktiv, um den Schülern zu zeigen wie sich Sprache eigentlich entwickelt – das Wort der Waffen sein können und dass das was, was in deiner Studie auf dem
00:21:03: Schulhof,
00:21:04: als vermeintlich normales Schimpfwort durchging heute gesellschaftlich geächtet ist.
00:21:09: Genau!
00:21:10: Weil wir als Gesellschaft glücklicherweise eine Sensibilität dafür entwickelt haben welche Gewalt in Sprache steckt.
00:21:16: Es zwingt die Schüler also dazu, ihre eigenen Werte und Normen mal zu kalibrieren.
00:21:21: Das Buch dient somit nicht nur der Identitätsfindung durch die reine Handlung sondern eben auch durch die aktive Auseinandersetzung mit der Evolution von Sprache und Moral.
00:21:32: Okay wow!
00:21:33: Lass uns all diese Fäden mal zusammenziehen.
00:21:35: Wir haben uns durch diesen echt massiven Stapel an Quellen gekämpft Von der ersten Freibadromanze bis zur tiefen didaktischen Sprachanalysen.
00:21:44: Was ist unser Fazit?
00:21:45: Der große Sommer ist meilenweit davon entfernt einfach nur eine nostalgische Strandlektüre zu sein.
00:21:51: Definitiv!
00:21:52: Es ist ein meisterhaft konstruierter Entwicklungs-Roman, Ewald Ahrens destilliert seine eigene oft sehr schmerzhafte Schulbiografie um eine Geschichte zu erschaffen die radikal ehrlich ist Erschickt seine Figuren wirklich ungebremst durch den Fleischwäuf des Erwachsenwerdens
00:22:10: Und das mit einer gigantischen Portion Empathie.
00:22:13: Er zeigt uns den Zauber der ersten großen Liebe im Flaschengrün-Badeanzug, die Zerstörungskraft von Lügen innerhalb einer Freundschaft und diese völlig absurde ungeschützte Konfrontation mit der eigenen
00:22:25: Sterblichkeit.".
00:22:26: Es ist eine Geschichte, die mühelos über Generationengrenzen hinweg funktioniert – einfach weil der Kern des Menschseins in diesem Alter nicht alt hat!
00:22:34: Und weil es uns vor Augen führt, dass die tiefsten und prägendste Momente unserer Existenz sehr oft genau dann entstehen.
00:22:41: Wenn wir gezwungen sind äußere Reize mal abzustellen und uns mit uns selbst und dieser quälenden Lehre zu konfrontieren.
00:22:48: wahre Worte!
00:22:49: Und exakt das bringt mich zu einem finalen Gedanken für dich den du heute mal mit in deinen Tag nehmen solltest.
00:22:56: Wir haben am Anfang über dieses psychologische Vakuum der achtziger Jahre gesprochen über das quälende Stundenlange warten neben dem Telefon und diese extrem drückende Langeweile im abgedunkelten Haus des Professors.
00:23:10: Ahrens Geschichte macht überdeutlich, genau diese absolute Abwesenheit von Ablenkung war überhaupt erst der Treibstoff für die extremen Erfahrungen!
00:23:19: Die Jugendlichen mussten sich ihr eigenes Drama ihre eigenen Abenteuer- und Fehler selbst erschaffen weil einfach kein Bildschirm dieser Arbeit für sie übernommen hat.
00:23:29: Das ist heute kaum noch vorstellbar
00:23:30: Eben, wenn wir uns heute ansehen wie unser Alltag aussieht.
00:23:34: Jede noch so kurze Warteminute an der Supermarktkasse jede Busfahrt wird lückenlos mit Social Media Feeds Videos oder Audio zugekleistert.
00:23:42: Wir lassen eigentlich gar keine echte Lehre mehr zu.
00:23:46: wo und wie findet die heutige Generation oder auch wir selbst eigentlich noch diesen unstrukturierten bedrohlichen Freiraum?
00:23:54: Gute Frage
00:23:55: Den Raum, aus dem heraus wir gezwungen werden unseren ganz eigenen völlig unberechenbaren großen Sommer zu erschaffen.
00:24:02: Ein Gedanke den du vielleicht einfach mal in deinem Kopf hin und her wälzen solltest wenn du das nächste Mal reflexartig nach dem Smartphone greifst nur weil dir für zehn Sekunden langweilig ist.
00:24:13: ein sehr schöner Abschlussgedanke.
00:24:15: Das war's von heute von uns.
00:24:16: Danke dass du uns bei dieser intensiven Analyse begleitet hast bis zum nächsten Deep Dive.
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